Kirchgemeindenachrichten September 1988


Graf Hermann Carl von Keyserlingk

Der Gaußiger Pfarrer Andreas Noack schrieb im Oktober 1764 in unser Kirchenbuch:
"Den 1. Octobr: früh um 3 Uhr haben Se: Excell. der hochgebohrne Herr Hermann Carl, des h. R. R. Graf von Kayserling, Ihro Kayserl: Maj: von allen Reussen hochbetrauter würcklicher Geheimder Rath und Großbotschaffter an den König und Republic von Pohlen, Ritter der Orden vom heil. Andreas und vom weißen Adler, in Warschau ihr Leben geendiget im 69. Jahr ihres Alters. Sein entseelter Cörper ist von dannen auf seine Erbgüter nach Curland abgeführt worden. Das Gedächtniß dieses unsers seel. Gerichts- und Lehnsherren bleibet im Seegen."
Wer war dieser Reichsgraf?
Er wurde im Jahre 1696 in Kurland geboren. Aufgrund seiner hohen Intelligenz und seines weltgewandten Wesens tritt er in den Dienst der Herzogin von Kurland, der späteren Kaiserin von Rußland, Anna Iwanowna. Damit sind auch gleichzeitig intensive Kontakte zum preußischen Hof gegeben. 1730 geht er nach Moskau und wird Präsident der russischen "Akademie der Wissenschaften". Am 3. Dezember 1733 entsendet ihn das Zarenhaus als Gesandten an den Hof in Dresden. Er wohnt der Krönung des Sohnes Augusts des Starken zum König von Polen am 17. 1. 1734 bei.
Russische Heere erkämpften damals in Polen das sächsische Königtum. Das durch innere und äußere Wirren zerrissene Polen wird durch Keyserlingks diplomatische Tätigkeit befriedet. Dies geschieht durch den Pazifikations-Reichstag vom 25.7.1733, der die Parteien versöhnte und August III. als König anerkennt.
  Anläßlich dieses Ereignisses verfaßte Bach zur Feier der Regierungsübernahme Augusts III. einen gewichtigen Teil seiner h-Moll-Messe. Vermutlich ist es Keyserlingks Fürsprache zu danken, daß Johann Sebastian Bach den Titel "Königlich Polnischer und Kursächsischer Hofkompositeur" erhält. Infolge tritt der Graf, der Bachs hohe Kunst zu schätzen weiß, in immer nähere Beziehungen zur Familie Bach. Er wurde zu dem bedeutendsten Mäzen des Thomaskantors. Dessen begabtesten Sohn Wilhelm Friedemann Bach lernte er ja schon in Dresden kennen. Seit 1733 war dieser Kantor an der Sophienkirche. Dem Vater überbrachte er die Ernennungsurkunde zum Hofkompositeur. Keyserlingk veranlaßt, daß Bach am 1. 12. 1736 sich auf der neuen Orgel (Silbermannorgel) in der Dresdener Frauenkirche hören läßt. So entstanden bald freundschaftliche Beziehungen zwischen dem Grafen und der Familie Bach. Sein Sohn Heinrich Christian wohnte unter anderem in Leipzig, wo er von Bach unterrichtet wurde. Als am 30. November 1741 Keyserlingk von August Illl. in den Reichsgrafenstand erhoben wird, macht ihm Bach ein besonderes Geschenk. Der Graf litt unter Schlafstörungen. Um sich in den schlaflosen Nächten die Zeit etwas abzukürzen, hatte er einen begabten Jungen, den er von Bach unterrichten ließ. Dieser hieß Johann Goldberg und wurde 1727 in Danzig geboren. Um 1740 ist er Schüler Bachs. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Virtuosen seiner Zeit. Um ihm und dem Grafen eine Freude zu bereiten, komponierte Bach die sogenannten Goldbergvariationen. Diese sind das gewichtigste Klavierwerk vor 1800. Sie gelten bis heute für Pianisten als anzustrebende Spitzenleistung. Keyserlingk schenkt Bach dafür einen Pokal angefüllt mit Goldstücken.

1756 übernimmt Graf Keyserlingk den russischen Gesandtschaftsposten in Berlin. Sein Cousin Dietrich von Keyserlingk, gestorben 1745, gehört zum engsten Freundeskreis Friedrichs des Großen. Seit 1738 war Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel bei diesem Monarchen Kammermusikus. Vermutlich ist Keyserlingk Initiator des bemerkenswerten Zusammentreffens von Friedrich II. und Bach.Keyserlingk ist auch Pate von Philipp Emanuels jüngstem Sohn, der den Taufnamen Johann Sebastian erhält. 1752 wird der Reichsgraf als Russischer Gesandter in Wien akkreditiert. 1762 ist er Gesandter in Warschau. Es ist daher nicht verwunderlich, daß er sich für Gaußig interessierte und am 2. Januar 1750 für 52000 Taler das Schloß Gaußig von Graf Brühl kaufte. Damit übernahm er auch das Gaußiger Kirchenpatronat. Ihm danken wir für die Errichtung unseres Pfarrhauses, 1752 wurde in der Gaußiger Kirche sein Sohn Heinrich Christian von Pfarrer Noack getraut. Sein Schützling Goldberg jedoch hatte schon 1751 seinen Förderer gewechselt. Er gehörte zur Hofkapelle der Grafen Brühl. Bachs Söhne, der Vater war 1750 gestorben, erhielten noch sehr lange aus Kurland von den Keyserlingks Unterstützung, über Keyserlingk selbst schrieb ein Nachkomme:
Als Staatsmann groß, war er nicht minder achtungs- und liebenswert als Mensch; er war einer der wenigen, die Religion nicht bloß auf der Zunge, sondern auch im Herzen tragen. Ebenso entfernt von mystischem Glauben an die Religion und deren Diener, als von dem damals so sehr verbreiteten philosophischen Unglauben,
  verdiente er mit vollstem Recht den schönen Namen eines aufgeklärten Christen, der, gehalten und gekräftigt durch die ewigen Wahrheiten, welche Verstand und Herz einmal aufgefaßt, in ihnen die beste Stütze fand, gegen alle Widerwärtigkeiten des Lebens, gegen Unbilden seiner Mitmenschen, wie gegen Anfälle seiner schmerzhaften Krankheit.
Er handelte gegen seine Mitmenschen so, wie die Religion es lehrt und wie es nur der wahre Christ vermag; wohltätig gegen Leidende, gewann ihm besonders die Art, wie er gab, alle Herzen. Es war nicht jene vornehme, erkaltende Herablassung, welche oft diejenigen verletzt, die Wohltaten anzunehmen gezwungen sind; sondern im Stillen linderte er die Leiden und half Unglücklichen auf, mehr durch die edle, menschenfreundliche Art zu geben, als durch das, was er gab. Gewöhnlich war er ernsthaft, eine Folge seiner vielen, oft trüben Erfahrungen, namentlich im Hofleben, und selten hörte man einen Scherz oder launigen Einfall von ihm. Ein achtungsgebietendes Äußere, verbunden mit einem anständigen und Anstand fordernden Benehmen, erwarb ihm allgemeine Achtung und Liebe.

Pfr. Gerd Frey